Sigrun, 65, mit ASF in Israel, Forschungsarbeit im Archiv
Ich bin pensionierte Lehrerin, 65 Jahre alt, habe von 1972 bis 2005 in Berlin Neukölln in einer Gesamtschule und später in einem Gymnasium Geschichte, Politische Weltkunde, Sozialkunde und Sport unterrichtet. Ich war 1965 aufgrund meiner Betroffenheit über den Nationalsozialismus und den Holocaust zum ersten Mal als Freiwillige in Israel und habe in einem Moschaw und in einem Kibbuz gearbeitet. 1969 habe ich im Sommersemester an der hebräischen Universität in Jerusalem über den israelisch-palästinensischen Konflikt geforscht, da ich - betroffen von der politischen Situation in Nahost - die Ursprünge dieses Konfliktes verstehen wollte. Nach dieser Forschungsarbeit habe ich am Fuße der Golanhöhen erneut auf einem Kibbuz gearbeitet. 1976 war ich mit Oberstufenschülern, die ich im Leistungskurs Politische Weltkunde auf die Entstehung des Staates Israel und des israelischpalästinensischen Konfliktes vorbereitet hatte, zu einem vierwöchigen Aufenthalt in Israel mit Begegnungen und Diskussionen mit Jugendgruppen und politischen Parteien und einem Arbeitseinsatz in einem Kibbuz.
Nach der Beendigung meines Schuldienstes habe ich mich in Berlin in der Arbeit des Stolpersteinprojekts engagiert und hatte mich bei Aktion Sühnezeichen im Rahmen des mittelfristigen Freiwilligendienstes für den Einsatz in einem Altersheim in einem Kibbuz beworben, um Menschen, die den Holocaust überlebt hatten, in ihrem Alltag zu begleiten und bei ihrer Betreuung mitzuhelfen. Nachdem ich bereits für dieses Projekt vorgesehen war, wurde dieser Platz wegen eines längeren Auslandsaufenthaltes der Verantwortlichen des Altersheims kurzfristig abgesagt, und ich wurde von ASF gefragt, ob ich bereit sei, in dem Beit Ashkenaz in Jerusalem zu arbeiten, da der Platz in dem Projekt noch vacant sei. Bei den Bewerbungsgesprächen hatte ich auch für dieses Projekt Interesse signalisiert.
Nachdem ich mich anhand der Internetseite www.Ashkenaz house.org näher informiert hatte, habe ich meinem veränderten Einsatz sofort zugestimmt, eine Entscheidung, die für mich in den folgenden 3 Monaten eine sehr eindrucksvolle und mich bewegende Arbeit nach sich zog, die sich auch seit meiner Rückkehr nach Berlin fortsetzt. Das Ashkenaz house ist ein Archiv in Jerusalem, das von Prof. Dr. Meier Schwarz vor etwa 20 Jahren gegründet wurde, nachdem er bei einem Aufenthalt in seinem Geburtsort Nürnberg und anderen Orten in der Umgebung feststellen mußte, daß keinerlei Gedenktafeln an die in den Progromnächten im November 1938 zerstörten Synagogen erinnerten und Menschen, die er auf der Straße nach den Synagogen fragte, behaupteten, daß es keine Synagogen gegeben habe. Prof. Dr. Meier Schwarz war im Sommer 1939 als 13 jähriger Junge mit Kindertransporten nach Palästina gerettet worden. Seine Eltern und sein Bruder wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Seit etwa 20 Jahren also leitet er dieses Archiv, in dem über die Schoa und die Zerstörung der ehemaligen Synagogengemeinden in Deutschland und Österreich geforscht wird mit der Zielsetzung, Gedenkbücher herauszugeben und den Beitrag des aschkenazischen Judentums zur deutschen und mitteleuropäischen Kultur für neue Generationen in Erinnerung zu halten. Über Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrheinwestfalen sind die Gedenkbücher bereits veröffentlicht, das Buch über Österreich wird bald erscheinen, zur Zeit werden die zerstörten Synagogengemeinden in den neuen Bundesländern erforscht. Dies war auch der eine Teil meiner Arbeit. Als ich am ersten Morgen meines Freiwilligendienstes im Archiv erschien, das übrigens in dem imposanten Gebäude des ehemaligen Rabbinats direkt neben der Great Synagogue in der King-George-Street untergebracht ist, empfing mich der Professor mit den Worten „Es gibt noch genug Arbeit“, das Wichtigste sei erst mal all die Bücher (wobei er auf etliche Regale zeigte) durchzusehen nach Namen von Juden, die bereits zwischen 1933 und 1939 von den Nazis ermordet oder in ihrer Verzweiflung in den Tod getrieben worden seien und dies seien viele Tausende. Die Schoa habe schon 1933 angefangen und nicht erst mit den ersten Deportationszügen 1941. Er wolle ein Gedenkbuch für diese Juden herausgeben, auch mit näheren biographischen Angaben, damit sie nicht vergessen werden. Ebenfalls sehr wichtig sei mit der Erforschung der zerstörten Synagogengemeinden in den neuen Bundesländern zu beginnen und mit diesen Worten zeigte er mir zwei dicke überquellende Leitz-Ordner, in denen Fragebögen gesammelt waren, die er an die evangelische Kirche in den neuen Bundesländern geschickt hatte mit der Bitte, Informationen über ehemalige jüdische Gemeinden zusammenzutragen und die sorgfältig ausgefüllt und mit vielen zusätzlichen Materialien zurückgeschickt worden waren. Diese lagerten nun schon einige Jahre in dem Archiv und warteten auf ihre Bearbeitung. Er habe einfach zu wenige Arbeitskräfte für alles, was bewältigt werden müsse. Ich könne mir aussuchen, mit welcher der beiden Aufgaben ich beginnen wolle. In den folgenden Wochen gewann ich einen Einblick in die vielfältige Arbeit, die in diesem Archiv von nur sehr wenigen Menschen geleistet wird.
Ich begann mit der von ihm zuerst genannten Aufgabe und bearbeitete in den folgenden zwei Monaten die Bücher in seinem Archiv, danach im Archiv des Leo Baeck Institutes und zuletzt noch in Räumen in der Altstadt, in denen er weiteres Material gesammelt hatte, was in dem kleinen Raum seines Archives keinen Platz mehr hatte. Ich gewann in dieser Zeit über all das hinaus, was ich bereits durch meine Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus wußte, tiefere Einblicke in die verschiedenen Etappen der systematischen Diskriminierung, Entrechtung, Ausgrenzung und Verfolgung von Juden durch die Nationalsozialisten bis 1939 und wurde mit vielen, vielen Schicksalen von Familien und Einzelpersonen konfrontiert, was mich alles sehr berührte und mir das Anliegen des Professors, ein solches Gedenkbuch herauszugeben, nachvollziehbar machte, ebenso der oft von ihm gesagte Satz „Das bin ich meinem Volk schuldig.“ Nachdem ich all die vielen Namen mit biographischen Einzelheiten, soweit ich sie herausfinden konnte, in einem Bericht zusammengetragen hatte, mit dem dann für ein Gedenkbuch weiter gearbeitet werden kann, begann ich mit der zweiten Aufgabe, der Auswertung der Fragebögen und des zusätzliche Materials zu den ehemaligen Synagogengemeinden, wozu ich dann leider nur noch einen Monat Zeit hatte. Auch diese Arbeit beendete ich mit einem längeren Bericht, damit der nächste weiter arbeiten kann. Bei einigen Fragebögen entdeckte ich, daß Juden versteckt oder nicht verraten worden waren und dadurch überleben konnten, was Professor Dr. Schwarz, als ich ihm diese Bögen zeigte, sehr bewegte. Er bat mich, dies in einem Extrabericht festzuhalten, mit dem er sich an Yad Vashem wegen der „Gerechten der Völker“ wenden wollte und den er in dem Rundbrief, den er regelmäßig verfaßt für diejenigen, die seine Archivarbeit finanziell unterstützen, veröffentlichen wollte. Auch bat er mich, mit den Kirchengemeinden, die über diese Rettung von Juden geschrieben hatten, Kontakt aufzunehmen und stellte Überlegungen an, in welchem größeren Rahmen diese Menschen geehrt werden könnten, wozu er dann auch nach Berlin kommen wolle. Nach meiner Rückkehr habe ich angefangen, persönlich in diese Gemeinden zu fahren, um mit den Menschen über die Überlegungen von Professor Schwarz zu sprechen.
Ich habe sehr bedauert, daß ich aus familiären Gründen nicht länger als drei Monate in dem Archiv arbeiten konnte, habe ich doch gesehen, wie wichtig diese Arbeit ist und wie viel noch zu tun ist. Besonders gefallen haben mir die Zusammenarbeit und der vielfältige Gedankenaustausch von Prof. Schwarz und mir, wobei ich noch anmerken möchte, daß Prof. Schwarz sehr religiös ist, ich hingegen religiös nicht gebunden bin und es wohltuend war, wie wir uns im gegenseitigen Respekt und Offenheit in dem sehr beengten Raum dieses kleinen Archivs verstanden. Ich würde diese Arbeit im nächsten Jahr sofort wieder tun, wenn dies möglich ist! Dies ist sogar ein großer Wunsch von mir!
Über Prof. Dr. Schwarz und meine Arbeit im Beit Ashkenaz hinaus haben mich Mitglieder des Freundeskreises von ASF in Israel sehr beeindruckt und ich bin dankbar, daß ich sie kennenlernen konnte. In Jerusalem besonders Ester Golan ,Joel und Sara Dorkam, Ingrid Einat Lavie, Jakob Hirsch und Yael Lavi-Jenner, bei den beiden letzteren konnte ich auch jeweils eine Zeit lang wohnen, da die Unterbringungssituation in Jerusalem ausgesprochen schwierig ist. Die Gespräche mit ihnen und der weiterhin bestehende Kontakt bleiben mir von großer Bedeutung. Israel Löwenstein habe ich in seinem ehemaligen Kibbuz Yad Hannah bei Natanja besucht, eine unvergeßliche Begegnung mit langen Gesprächen. Ronni Kohavi habe ich im Kibbuz Hazorea bei Afula besucht, was mir auch deshalb wichtig war, weil ich dort 1965 bei meinem ersten Freiwilligeneinsatz, den ich selbst organisiert hatte, da ich ASF noch nicht kannte, und im Jahre 1976 mit meinen Schülern gearbeitet hatte.
Ronni nahm sich viel Zeit, mir alles zu zeigen und alle Veränderungen zu erklären – ich habe diesen Tag in sehr schöner Erinnerung und stehe auch mit ihr weiter hin in Kontakt. Zur Zeit transscribiere ich in Süterlin geschriebene Familienbriefe aus den 30 er und 40 er Jahren in lateinische Buchstaben, damit Roni die Briefe ihrer 1942 deportierten Großmutter und die Berichte ihrer Eltern über den Aufbau des Kibbuz Hazorea lesen kann, wichtige Familiendokumente, die sie nach Jahrzehnten kennenlernen möchte.
Im Vergleich zu meinen früheren Aufenthalten fiel mir auf, daß sich die israelische Gesellschaft stark verändert hat, die national religiöse Bewegung sehr an Boden gewonnen hat und die sozialistischen Kräfte, die früher das gesellschaftliche und politische Leben bestimmten, an Gewicht verloren haben. Im Rahmen meiner Stolpersteinarbeit hier in Berlin hatte ich in Israel zusätzlich zu ASF Kontakt zu einigen anderen Familien und ebenso die Möglichkeit des Gedankenaustauschs sowohl über die Vergangenheit als auch die Gegenwart. Bei all diesen Gesprächen standen natürlich auch sehr bald der israelischpalästinensische Konflikt und Friedensmöglichkeiten im Zentrum. Dabei wurde deutlich, wie sehr die israelische Gesellschaft in dieser Frage gespalten ist, und ich habe mit Interesse und Beteiligung die unterschiedlichen Standpunkte gehört. Ich hatte einige Male die Möglichkeit, an den von Nichtregierungsorganisationen durchgeführten Fahrten in Ostjerusalem und in den besetzten Gebieten teilzunehmen. So sehr ich die Sicherheitspolitik Israels nach dem Trauma der Schoa und die oberste Zielsetzung, nie wieder Opfer zu sein, nachvollziehen kann, so sehr haben mich die Auswirkungen des Mauerbaus, der Häuserzerstörungen und des Siedlungsbaus auf die Lebensbedingungen von Palästinensern betroffen gemacht. Und zugleich hat mich dabei einige Male besonders beeindruckt, wie junge Israelis und Palästinenser versuchen Versöhnungsarbeit von unten aufzubauen, ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Möglichkeit eines doch friedlichen Zusammenlebens in hoffentlich nicht zu ferner Zukunft…
Jerusalem ist eine wahnsinnig interessante und schöne Stadt und daß ich sowohl das jüdische Pessach als auch das christliche Ostern in seinen vielfältigen Schattierungen in ihr erleben konnte, war für mich eine bereichernde Erfahrung! Zum Sederabend war ich in einer Familie eingeladen, wofür ich sehr dankbar bin, konnte ich doch teilnehmen an dieser jüdischen Tradition. Auch zum Schabbatabend war ich einige Male eingeladen, was für mich von großer Bedeutung war. Ich war etliche Male am Schabbatabend an der Western Wall und in Synagogen, sowohl orthodoxen als auch reformorientierten und war besonders angetan von der Fröhlichkeit, mit der durch Singen und sogar Klatschen und Tanzen der Beginn des Schabbat gefeiert und die Braut begrüßt wird. Bei den beiden christlichen Osterfesten habe ich an den verschiedensten Gottesdiensten teilgenommen und voller Interesse die vielen Unterschiede kennengelernt.
Das noch in Berlin durchgeführte Vorbereitungsseminar auf den Freiwilligendienst hatte mir in seiner Differenziertheit und Offenheit zu sich möglicherweise stellenden Schwierigkeiten sehr gut gefallen. Bei den beiden in Jerusalem stattfindenden Seminaren in den ersten Tagen und nach etwa zehn Wochen des Freiwilligendienstes hat mir besonders gefallen, daß der Ursprung des israelisch-palästinensischen Konfliktes und die heutige politische Situation mit ihren Komplikationen thematisiert wurde. Im ersten Seminar hat mich der Lebensbericht von Ester Golan vom Freundeskreis ASF in Israel sehr berührt, im zweiten Seminar die Fahrt zum Checkpoint von Bethlehem mit den Berichten von Freiwilligen des Ökumenischen Begleitdienstes in Israel und Palästina. Für die Begleitung der Freiwilligenzeit möchte ich Katarina von Münster sehr herzlich danken, die mit Geduld und Freundlichkeit uns bei auftretenden Schwierigkeiten zur Seite stand und versuchte auf von uns geäußerte Wünsche einzugehen. Durch ihre regelmäßigen mail-infos über Veranstaltungen konnten wir an dem politischen und kulturellen Leben in Israel teilnehmen. Ich habe mich in der Freiwilligengruppe (wir waren 7 Frauen im Alter von 22 bis 70 Jahren) sehr wohl gefühlt. Wir haben weitestgehend gut harmoniert. Das Generationsübergreifende habe ich als positiv erlebt, da dadurch auch unterschiedliche Sichtweisen und Lebensweisen einflossen und Anstoß geben konnten, eigene zu erkennen und eventuell zu überdenken. Besonders interessant fand ich die unterschiedlichen Gründe, die die einzelnen zu dem Freiwilligendienst motiviert hatten.


