Internationale Freiwilligendienste fur unterschiedliche Lebensphasen

IFL

IFL (internationaler Freiwilligendienst): Neue Formen des freiwilligen Engagements für alle Altersgruppen.

Internationale Freiwilligendienste

Ziele des IFL: Gesellschaft Impulse geben, Menschen mobilisieren, Solidarität und Zivilcourage zu einer Selbstverständlichkeit machen.

generationsübergreifend Freiwilligendienst für Ältere / Senioren

generationsübergreifend Ausrichtung: wo in den üblichen Formen der Freiwilligendienst die Altersgruppen für gewöhnlich unter sich bleiben und stets die junge Generation überwiegt, steht dieser Dienst Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen offen.

Ausland freiwillig Arbeiten / freiwilliges Engagement

Die Freiwilligen können sich weltweit (derzeit in 28 Ländern) engagieren – ob für Frieden und Menschenrechte, für Gesundheit, Kultur und Bildung, für soziale Gerechtigkeit, Integration oder den Schutz der Natur.

Sabbatjahr, Sabbatical

Wer sich für ein konkretes Projekt interessiert, sollte sich mit den entsendenden Organisationen selbst in Verbindung setzen, ebenso bei Fragen zur Finanzierung, zur Versicherung, zur Vor- und Nachbereitung etc. Bewerbungsunterlagen sollten einige Angaben zur Person (Alter, Ausbildung, Erfahrungen etc.), eine Beschreibung Ihrer Vorstellungen (Dauer des Dienstes, Tätigkeitsfeld, Land etc.) sowie ein kurzes Motivationsschreiben enthalten.

14.03.07 14:48 Alter: 11 Jahr/e

Rumänien Heinz, 61, mit SoFiA in Rumänien, Aufbauhilfe im Überschwemmungsgebiet (I)

 

„Wir haben ohne gesicherte Finanzierung mit dem Bau begonnen. Wir hatten nie genug Geld, um fertig zu bauen, doch immer gerade genug, um weiter zu bauen.“ (Leiterin eines SOS-Kinderdorfes in Rumänien)

Liebe Verwandte, Freunde, Unterstützer und alle Interessierte,

Wenn ich meinen ersten Rundbrief als Freiwilliger im humanitären Einsatz mit diesem Zitat beginne, dann deshalb, weil es eine der wenigen Ausnahmen von positiver Denkweise darstellt, dem ich bisher in diesem Land, das immer noch unter dem mentalen Eindruck sozialistischer Diktatur und den Folgen bitterer Armut zu leiden hat, begegnet bin. Und natürlich führt dieses Zitat auch zu meinem ersten Thema. Ich möchte nämlich ein paar Worte zu meiner Motivation sagen, warum ich dieses soziale Engagement eingegangen bin, ausgerechnet nun, wo ich eigentlich den von vielen beneideten dritten Lebensabschnitt, den eines Pensionärs erreicht habe. „Liebenswerter Spinner“, war eine der treffendsten Qualifikationen, die ich als Reaktion auf die Ankündigung meines Freiwilligendienstes in Rumänien zu hören bekam. Und die große Mehr­zahl aller Kommentare, die bei gleicher Gelegenheit geäußert wurden, lässt sich auch in genau diesen beiden Worten zusammenfassen. Dabei fühle ich mich in diesem Zusammenhang durch das Prädikat „Spinner“ keineswegs beleidigt, drückt es doch ganz treffend den Zwiespalt zwischen sozialem Engagement und familiärer Bindung aus, dem ich mich bei meiner Ent­scheidung für diesen Dienst ausgesetzt sah. Es ist also eindeutig ein Kompromiss, auf den meine Frau und ich sich für die „überschaubare“ Zeit von vier Monaten eingelassen haben, so dass ich meinem Wunsch nach sozialem Engagement nachkommen kann, und dies in einem Umfeld, wo ich meine Berufserfahrung optimal einbringen und mich dort nützlich machen kann, wo verkrustete Strukturen und eine tief empfundene Aussichtslosigkeit das Überwinden der unmittelbaren Not scheinbar unmöglich machen. Man wird anhand der aufeinander folgenden Rundbriefe und Berichte sehen, ob und wie mir dies gelingt und vor allem, ob ich von meiner Erfahrung etwas an die Menschen hier in Rumänien weitergeben kann.

Nun aber geschwind zu einigen Informationen: Kolping Banat, meine aufnehmende Organisation hat mich in DumbraviÑa (sprich: Dumbravitza), einem Vorort nordöstlich von Timisoara im Pfarrhaus der römisch-katholischen Gemeinde bei Pfarrer Jozsef Heinrich untergebracht. Ich habe hier ein Zimmer quasi unter dem nie fertig gestellten Glockenturm mit Toilette über den Flur und Dusche über den Hof. Vor allem aber habe ich hier Familienanschluss der besonderen Art. Pfarrer Heinrich pflegt ein sehr offenes Pfarrhaus und hat mich auf Anhieb in sein Herz geschlossen. Seither bin ich bei einigen traurigen und frohen Anlässen, die in seiner aktuellen, aber auch in seinen früheren Pfarr­gemeinden stattfinden, automatisch mit eingeladen. Dabei habe ich eine Herzlichkeit und Offenheit in den Begegnungen erfahren dürfen, die ich mir in dieser Intensität und so bald nach meiner Ankunft nicht im Traum erhoffen konnte. Da sind meine Sprachprobleme dann plötzlich zweitrangig, und in der Festgemeinde findet sich immer irgendjemand, der bei einem Gläschen Palinka (ein hervorragender Quetschenschnaps, ab ca. 50 Vol. %) das Wichtigste ins Deutsche übersetzen kann. Das klingt jetzt vielleicht nach einer Riesen-Dauerparty mit andauerndem Vollrausch. Doch halt, da gibt es auch noch Arbeit, und das nicht zu knapp. Und die neuen Kontakte kommen dabei gerade recht.

In meinem sozialen Engagement arbeite ich gewissermaßen auf zwei Ebenen:

1. Bei den Menschen in den Dörfern im Überschwemmungsgebiet bekämpfe ich die Resignation und Lethargie, die angesichts der bedrückenden Lebensumstände vielerorts anzutreffen sind.

2. Auf regionaler Ebene erkunde ich Möglichkeiten und versuche, Verfahren einzuleiten, die

geeignet sind, die notwendigen Investitionen für mittel- und langfristig wirkende Instand­set­zun­gen der vom Hochwasser geschädigten ländlichen Infrastruktur hierher zu bringen. Hierzu gehören in erster Linie das Oberflächenentwässerungssystem mit Gräben, Brücken und Pumpwerken.

Jede dieser Zielsetzungen verdient meine volle Aufmerksamkeit, beide sind also gleich wichtig in meiner Wertschätzung. Und so unterschiedlich meine Gesprächspartner auch sein mögen, je nachdem welches Ziel ich gerade verfolge, ein Hindernis, das es zu überwinden gilt, ist mit ganz wenigen Ausnahmen überall das gleiche: die stereotype Antwort „Das geht nicht.“ und die beharrlich vertretene Überzeugung, dass es sich gar nicht lohnt, irgendetwas anzupacken. Für mich heißt dies, dass ich mindestens ebenso beharrlich positive Vorschläge in immer neuen Varianten vortragen und Optimismus über das Gelingen zumindest der ersten Schritte verbreiten muss. Bei diesen Gelegenheiten kommt nicht nur mein jeweiliger Ansprechpartner zuweilen ins Schwitzen, sondern mehr noch Johann Predutz, mein Übersetzer, ein rumänischer Student mit deutscher Abstammung, den Kolping Banat für die Zeit meines Einsatzes hier engagiert hat. Auf den Rückfahrten von solchen „Einsätzen“ diskutieren wir die verschiedenen Reaktionen die wir – gewollt oder ungewollt – hervorgerufen haben. (...)

Auf der menschlichen Ebene profitiere ich ungemein von den intensiven Kontakten, die mir, wie oben beschrieben, hier vom ersten Tag an eröffnet wurden. Ich habe inzwischen gute Bezie­hungen zu einigen Persönlichkeiten, die man in den Dörfern als Multiplikatoren bezeichnen kann. Diese bauen in erster Linie auf der Vorarbeit meiner Mitstreiterinnen bei Kolping Banat, Elke Erk, Claudia Hammer und Ramona Heimerl, auf, und so standen mir sofort die Türen zum Bürgermeister, zum Pfarrer (gr.-kath.) und zu einigen Mitgliedern der Kolpingfamilie in Uivar offen. Und dennoch habe ich auch und gerade bei diesen Multiplikatoren zunächst den Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit aufnehmen müssen, um in der Gemeinschaft etwas Bewe­gung erhoffen zu können. Gleich bei meiner ersten Begegnung mit Pfarrer und Bürgermeister anlässlich der Einweihung der Sozialkantine in Uivar, wo Kolpingfamilie und Gemeinde zusammenarbeiten, habe ich die Müllhalde hinter diesem Gebäude zur Sprache gebracht. In meiner Vorstellung ist der überall herumliegende Unrat mit dafür verantwortlich, dass man sich an die hässlichen Seiten des Lebens gewöhnt, ja vielfach angepasst hat. Dieses negative Bild steht in zu vielen Köpfen im Vordergrund und stellt eine zusätzliche Hürde für jeden Schritt in Richtung Verbesserung der Lebensumstände dar. Um es kurz zu machen, nach langen Diskussionen und hartnäckigem Nachhaken, konnte ich gut drei Wochen später anlässlich des Besuchs einer Abordnung der Kolpingfamilie Erfurt, die schon lange Beziehungen mit Uivar pflegt, mit großer Freude feststellen, dass der Schutt beseitigt und der Bauplatz für den geplanten Holzschuppen vorbereitet ist. Ob dies auch ohne meine Intervention – einmal haben Johann und ich sogar selbst Hand angelegt – in dieser Zeit möglich gewesen wäre, sei dahingestellt. Jedenfalls sind sowohl Bürgermeister als auch Pfarrer sehr stolz. Und so ganz nebenbei oder eher ganz besonders interessant ist, dass nun auch der eine oder andere Grundstücksnachbar begonnen hat, in seinem Garten aufzuräumen. Und die Bevölkerung nimmt zumindest vereinzelt wahr, wenn Gemeindearbeiter plötzlich nicht mehr an der Baustelle erscheinen. Solche „Freiheiten“ werden nun bemerkt, und man spricht darüber. Es wird nicht mehr als „normal“ hingenommen. Nun, ich will die Erwartungen nicht zu hoch hängen. Wir haben trotz guter Anfänge auch schon Rückfälle erlebt. Bei all diesen Bemühungen zählt für mich ganz besonders, die Menschen zu einem ersten Schritt zu ermuntern, in der Hoffnung, dass dabei ein Erfolgserlebnis möglich wird, welches dann Lust auf mehr macht. „Hilfe zur Selbsthilfe“ heißt das Motto von Kolping, was ich mir bei meiner Arbeit nur zu gerne zueigen gemacht habe.

Dies ist auch das Ziel eines weiteren Projekts, das wir ganz gezielt in den vom Hochwasser betroffenen Dörfern Johannisfeld (rum. Ionel) und Otelec vorbereiten. In Zusammenarbeit mit einer anderen Hilfsorganisation „Copiii Europei“ (Kinder Europas) hoffen wir, neben Geld­mitteln für Baumaterial den freiwilligen Arbeitseinsatz von deutschen Handwerkern vermitteln zu können. (2 Die Antragsteller für diese Aktion werden aber Eigenleistung und Nachbarschaftshilfe mit einbringen müssen, wenn sie hoffen wollen, Nutznießer zu werden. (...)

Jeder Handwerker aus dem Baugewerbe kann hier mit seinem Sachverstand Berge versetzen, wenn er sich nur für ein bis zwei Wochen als Freiwilliger zur Verfügung stellen wollte. Unterkunft und Verpflegung können durch die sozialen Hilfsorganisationen, z.B. Kolping Banat, organisiert werden und das Geld für Baumaterialien kann durch sinnvolle, zweckgebundene Spenden gewonnen werden. Die Zeit der Kleider- und Lebensmittelspenden ist – 14 Monate nach der Flutkatastrophe – vorbei. Die Beziehungen zu anderen in Rumänien tätigen Hilfsorganisation konnten wir bei einem Seminar knüpfen, zu dem wir, nach Vermittlung durch SoFiA, vom 18. bis 21.05. in eine Bildungseinrichtung nahe Brasov eingeladen waren. Bei meinem Versuch, Möglichkeiten für mittel- und langfristig wirkende Hilfsmaßnahmen zu identifizieren, bin ich erwartungsgemäß zu einem Marsch durch die Instanzen angetreten. Der Verwaltungsapparat ist noch von den ererbten, d.h. sehr aufgeblähten Strukturen geprägt. Jede Behörde hat ihren Zuständigkeitsbereich, den sie einerseits wachsam verteidigt, wobei man andererseits jedoch immer sehr schnell dabei ist, die Zuständigkeit abzuschieben, und zwar immer dann, wenn etwas mit Arbeit oder gar Kosten verbunden ist. Auch die Regeln der Zusammenarbeit erschließen sich erst bei wiederholtem Nachfragen. Einmal arbeitet eine Behörde nur, wenn eine andere dies beantragt, ein anderes Mal ist es zwei Ämtern wegen unterschiedlicher Hierarchien scheinbar untersagt, zusammenarbeiten. Bei den ersten Gesprächen wurde mir erklärt, dass die Hoffnung auf Fördermittel z.B. von der EU illusorisch sei, weil man die geforderten 10% Eigenfinanzierung nicht aufbringen könne. Die Geldtöpfe mit den sagenhaften Fördermitteln aus den reichen Ländern des Westens hingen ausgerechnet für die ärmsten Bereiche, die sie am nötigsten gebraucht hätten, zu hoch. In diesem Verständnis hat die für die Oberflächenentwässerung in der Region zuständige Behörde ihre fertig ausgearbeiteten Sanierungspläne wieder weggeschlossen. Aber auch hier habe ich Glück insofern, als ich neben dem Deutschen Konsul in Temeswar, Herrn Rolf Maruhn, auch einige positiv eingestellte, fähige Verwaltungsbeamte der neuen Generation angetroffen habe, die meine Vermittlungsbemühungen wohlwollend unterstützen. (...)

Bis zum nächsten Rundbrief freue ich mich auf Reaktionen und vielleicht auch ein paar aufmunternde Nachrichten aus meinem Solidaritätskreis. Danke, dass Ihr da seid und Anteil nehmt an dem, was wir hier mit etwas Galgenhumor unser „Abenteuer Kolping“ nennen. Herzliche Grüße aus Timisoara, wo sich der zaghafte Sommer inzwischen auch wieder wer-weiß-wohin zurückgezogen hat.