Internationale Freiwilligendienste fur unterschiedliche Lebensphasen

IFL

IFL (internationaler Freiwilligendienst): Neue Formen des freiwilligen Engagements für alle Altersgruppen.

Internationale Freiwilligendienste

Ziele des IFL: Gesellschaft Impulse geben, Menschen mobilisieren, Solidarität und Zivilcourage zu einer Selbstverständlichkeit machen.

generationsübergreifend Freiwilligendienst für Ältere / Senioren

generationsübergreifend Ausrichtung: wo in den üblichen Formen der Freiwilligendienst die Altersgruppen für gewöhnlich unter sich bleiben und stets die junge Generation überwiegt, steht dieser Dienst Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen offen.

Ausland freiwillig Arbeiten / freiwilliges Engagement

Die Freiwilligen können sich weltweit (derzeit in 28 Ländern) engagieren – ob für Frieden und Menschenrechte, für Gesundheit, Kultur und Bildung, für soziale Gerechtigkeit, Integration oder den Schutz der Natur.

Sabbatjahr, Sabbatical

Wer sich für ein konkretes Projekt interessiert, sollte sich mit den entsendenden Organisationen selbst in Verbindung setzen, ebenso bei Fragen zur Finanzierung, zur Versicherung, zur Vor- und Nachbereitung etc. Bewerbungsunterlagen sollten einige Angaben zur Person (Alter, Ausbildung, Erfahrungen etc.), eine Beschreibung Ihrer Vorstellungen (Dauer des Dienstes, Tätigkeitsfeld, Land etc.) sowie ein kurzes Motivationsschreiben enthalten.

15.08.07 12:10 Alter: 11 Jahr/e

Indien Jessica, 30, mit den Freunden der Erziehungskunst in Indien, Betreuung behinderter Menschen (I)

 

Erst einmal grüße ich mit dem üblichen Gruß auf Hindi „NAMASTE“, was soviel heißt wie „ich grüße alle göttlichen Eigenschaften in dir“!

Mein Name ist Jessica und ich bin Anfang Oktober 2006 nach Indien geflogen, um ein Jahr in Sadhana Village in der Gemeinschaft mit geistig behinderten Erwachsenen mitzuleben und mitzuwirken. Ich bin 30 Jahre alt und war schon fünf Jahre in Deutschland als Sozialpädagogin in der Arbeit mit psychisch Kranken beschäftigt; habe mir für die Erfahrung in Indien ein Jahr Auszeit genommen und bereue diesen Schritt bisher überhaupt nicht. Im Gegenteil! Im folgenden möchte ich nun berichten, wie es mir in den letzten drei Monaten dieses neuen Lebens ergangen ist.

(...)

Ich muss gestehen, dass mir das Eingewöhnen in der neuen Umgebung anfangs etwas Schwierigkeiten bereitete. Ich fühlte mich zum Teil unsicher. Auch war mir nicht ganz klar, welche Erwartungen an mich von verschiedenen Seiten herangetragen werden würden und ob ich ihnen gewachsen sein würde. Es erschreckte mich, in den Ecken des Hauses Frösche sitzen zu sehen oder morgens tote Schlangen auf der dörflichen Straße, die durch Sadhana Village führt. Auch war das scharfe, rein vegetarische Essen gewöhnungsbedürftig. Zudem hätte ich anfangs 15 Stunden am Tag schlafen können und ich fühlte mich ständig müde. Vor dem Einschlafen drang meist noch laute Trommelmusik mit oder ohne Gesang aus den umliegenden hinduistischen Dorftempeln durch die nicht isolierten Fenster. Die heiße, aber feuchte Oktoberluft wurde hin und wieder von den letzten Monsungüssen durchspült. Es war so, als sei ich in einer ganz neuen Welt angekommen und vom Rest der Welt abgeschnitten, denn Sadhana Village besteht aus 3 Häusern, die weitab auf dem Land zwischen Mangobäumen, Zuckerrohr-  und Reisfeldern eingebettet sind. Von Sadhana Village aus ist es nicht möglich, zu telefonieren. Man kann lediglich angerufen werden. Für die Anrufer ist es oft schwierig, durchzukommen. Im nächsten Dorf gibt es zwar Telefon, aber Internetnutzung ist mir nur an meinen freien Tagen ein Mal die Woche im 35 km entfernten Pune möglich.

Zu Beginn war ich am meisten damit beschäftigt, die Menschen um mich herum zu beobachten und abzuwarten, wie sie auf mich reagieren würden. Auf der Straße außerhalb der Einrichtung bin ich mit meinen blonden Haaren und der weißen Haut nach wie vor exotisch und man muss sich daran gewöhnen, von allen Seiten angegafft zu werden. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und versuche, mich der Kultur entsprechend angemessen zu verhalten. Auch störe ich mich nicht mehr sehr am Dreck, am Lärm, dem lebensgefährlichen Verkehrschaos oder dem sinnlosen Gehupe, wenn ich mich an meinen freien Dienstagen in der Rikscha durch die Vier-Millionen-Metropole Pune kutschieren lasse.  Nun habe ich den Blick frei, hinter die Fassaden zu sehen und das „tiefere Indien“, welches nicht an der Oberfläche und auf den ersten Blick sichtbar ist, zu entdecken und zu erleben. Das ist ungeheuer spannend und jeden Tag neu aufregend.

In Sadhana Village ließ man mir viel Zeit, anzukommen. Es gab viele neue Gesichter zu sehen, Namen zu merken und Hände, die stets geschüttelt werden wollten. Ich fühlte mich von Beginn an willkommen, angenommen und hatte das Gefühl, dass nicht nur die Verantwortlichen und Hauseltern, sondern auch die Special Frieds (SF) - so werden die Behinderten hier genannt - sehr um mein Wohlergehen bemüht waren. Hier bin ich übrigens eine Didi (übersetzt: kleine Schwester) und die Männer werden Dada gerufen. Demnach wissen einige von den SF überhaupt nicht, wie ich wirklich heiße, sondern rufen mich einfach nur „Didi“. Wir Volontäre (derzeit fünf Deutsche, eine Australierin, eine Portugiesin, eine Kanadierin und ein Inder), die wir uns anfangs ziemlich über diese neuen Namen amüsiert haben, nennen uns liebevoll gegenseitig auch oft so. Dennoch versuchen wir, den SF immer wieder unsere richtigen Namen einzutrichtern.

Im Folgenden werde ich versuchen, einen ganz normalen Tagesablauf zu beschreiben.

Ich stehe regulär um sieben Uhr morgens auf und wecke mit zwei anderen deutschen Freiwilligen die acht SF auf, die wir gemeinsam in einer Wohngruppe betreuen. Auf unserem Stockwerk gibt es keine Hauseltern, insofern arbeiten wir drei recht selbständig. Danach wird gemeinsam Zähne geputzt. Morgens benutzen die Menschen hier ein rotes Zahnpuder, welches man sich mit dem Finger auf den oberen und unteren Zahnreihen verteilt; ich bevorzuge noch immer die gute alte Zahnbürste. Zwei von den acht SF brauchen dabei tatkräftige Unterstützung. Anschließend wird gemeinsam der morgendliche Chaitee eingenommen: Schwarztee, mit Kardamom, schwarzem Pfeffer, Ingwer und Milch aufgekocht und mit Zucker gesüßt. Danach wird die Zeit bis 8.30 Uhr für „Walking“ genutzt, d.h. ich laufe in der für hiesige Verhältinsse zurzeit eher kühlen Morgenluft mit jeweils einem SF an der Hand vorm Haus auf und ab. Dabei kann man wunderbar nachdenken, Späßchen machen oder auch beobachten, wie sich die Landschaft durch den Wandel der Jahreszeit verändert. (...) Manchmal gehen wir auch auf das Dach unseres Hauses und machen mit den SF ein paar Joga-Übungen; das sind eigentlich einfach nur Dehnübungen. Ist aber bei den Leuten hier sehr beliebt. Nach dem Frühstück, welches oft aus diversen Breien angereichert mit Tomatenstückchen, Zwiebeln, Nüssen, Curry und Chili (ACHTUNG scharf!) besteht, findet sich die Summe der SF aus allen drei Häusern – das sind derzeit 27 Special Friends – zum Morgenkreis zusammen. Manchmal ist davor auch noch einmal eine Dreiviertelstunde Zeit, um mit einigen SF an den nahe gelegenen Fluss oder an die Bushaltestelle zu spazieren, um mit einheimischen Wartenden ein kleines Schwätzchen zu halten oder den einheimischen Frauen in ihren bunten Saris beim Waschen zuzuschauen. Von 10-12 Uhr wird im Garten und in der Küche gearbeitet. Selten leite ich die männlichen SF im Garten an, obwohl mir die körperliche Arbeit immer gut tut. Öfter übernehme ich Aufgaben in der Küche oder helfe der Chapati-Mauschi beim täglichen Chapati-Backen. Chapatis sind leckere, sehr dünne Teigfladen aus Mehl, Wasser und Ghee, die eigentlich zu allen Mahlzeiten gegessen werden und klasse schmecken. Als ich letztens mal mit Durchfall und Fieber im Bettchen lag, habe ich eine Chapati-Bananen-Reis-Diät eingehalten, die mir schnell geholfen hat. Um 13 Uhr gibt’s getrennt auf den Wohngruppen Mittagessen, welches aus der Hauptküche in die 3 Häuser verteilt wird. Das sind immer vegetarische, sehr scharfe Gerichte mit Hülsenfrüchten und Gemüse. Leider gibt es weniger frische Sachen zu essen, da Obst sehr teuer ist, aber ich muss schon einiges an Gewicht verloren haben. Ich habe mich selten so fit gefühlt, obwohl ich hier keinen Sport treibe, zumindest was man unter Sport im deutschen Sinne versteht. Danach wird eine Stunde geruht – das tut immer sehr gut, da ich nach einem Vormittag immer das Gefühl habe, schon mordsviel getan zu haben. Dennoch ist es immer laut und unruhig auf unserer Wohngruppe und leider fehlt einigen SF die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Teilweise werden einzelne auch sehr schnell aggressiv oder leiden unter Krankheiten wie z.B. Epilepsie oder Schizophrenie; daher ist es immer notwendig, dass sich ein Betreuer in unmittelbarer Nähe befindet. Anfangs hat mich das Gefühl, immer anwesend und bereit sein zu müssen, mich immer verantwortlich zu fühlen, ziemlich platt gemacht, doch inzwischen habe ich gelernt, mich in der für mich angemessenen Form abzugrenzen, wenn nötig. Wenn man in einer solchen Gemeinschaft wie Sadhana Village lebt, darf man nicht nur für andere leben, sondern muss vor allem sich selbst und das eigene Wohlergehen auch immer im Auge behalten.

Um 15/15.30 Uhr finden sich alle SF zu unterschiedlichen Aktivitäten zusammen, je nach Werktag. Das bedeutet für unsere Gruppe: alle frühzeitig aus den Betten ziehen, Zähne putzen, zurechtmachen und zu den jeweiligen Aktivitäten bringen. Das Angebot reicht von „Art and Craft“ (Bastelnachmittage) über einen Trommelkreis bis hin zu Tanz-, Sing- oder Spieleinheiten. Es finden auch parallel Arbeitseinheiten mit kleinen Gruppen oder auch Einzelpersonen statt. Das scheint mir sehr sinnvoll zu sein. Ich konzentriere mich wegen meiner Berufserfahrung auch hier auf die Menschen mit psychischen Problemen, die in Sadhana Village jedoch in der Unterzahl sind. Viel Arbeitsmaterial haben wir zur Umsetzung unserer Ideen allerdings nicht zur Verfügung. Oft fehlt einfach nur Schnur, Tesa oder Papier... es ist erstaunlich, wie viel aus wenigen Dingen improvisiert werden kann. Manchmal suche ich in Müllbergen nach verwertbaren Materialien. Überhaupt wird in Indien fast alles recycelt. Ich bin froh, dass ich wenigstens Liederbücher mitgebracht habe. Letztens wurden wir mal mit Ölfarbe beschenkt, worauf wir sofort begannen, die Wände von Sadhana Village zu bemalen und sämtliche Möbelstücke (von denen es auch nicht besonders viele gibt) anzupinseln. Die Einrichtung meines kleinen Zimmers, das ich mit Johanna teile, besteht übrigens aus zwei einfachen Betten mit Moskitonetz und einer Metallkommode mit vier Fächern, die wir uns teilen. Einen Tisch gibt es nicht; immerhin habe ich mir ein Nachttischchen gebastelt und zwei aufblasbare Sessel besorgt. Sieht witzig aus! Um 16.30 Uhr trifft man sich dann zum Nachmittags-Chai, was hin und wieder zu sehr munteren Stimmungen führt und manchmal auch in ausgelassene Tanzorgien zu lauter Musik ausartet. Die meisten SF sind glücklicherweise sehr frohe und lebenslustige Menschen, und es macht mir immer Spaß, mit ihnen zusammen zu sein. Anschließend kann wieder spazieren gegangen werden, muss aber nicht. Um 18 Uhr wird an alle ein kleiner Snack verteilt und um 20 Uhr gibt es erst Abendessen. Danach wieder Zähneputzen. Dann bilden wir vor dem Zubettgehen noch einen kleinen Kreis um brennende Kerzen herum, sprechen noch ein Gebet auf Hindi. Wenn alle SF endlich im Bett gelandet sind, heißt es noch, die Medikation für den nächsten Tag richten, und das war's dann. Nachts ist es eigentlich immer ruhig, und ich kann nach einem solchen Tag ausgezeichnet schlafen.

Es wird auch oft gefeiert in Sadhana Village. Kurz nach meiner Ankunft in Indien wurde das große indische Lichterfest „Diwali“ gefeiert. An einem freien Feiertag haben wir mit der gesamten Bewohnerschaft einen Ausflug zu einem nahe gelegenen Tempel mit Picknick unternommen. Erst letztens haben wir das 12jährige Bestehen der Einrichtung gefeiert. Dann sind ständig Geburtstage, die gefeiert werden wollen. Dabei wird gerne gesungen und geklatscht, getanzt und es werden gerne Beiträge geliefert. Mit einer Freiwilligen habe ich auf das Lied „Oh, when the Saints go marching in...“ einige Strophen über die Bewohner von Sadhana Village getextet und natürlich beim Jubiläum vorgetragen – es war echt witzig und kam voll gut an! Weihnachten wird in Indien kaum gefeiert, da über 90 Prozent der Bevölkerung Hindus sind. In der Einrichtung gibt es außer uns Volontären derzeit gerade mal zwei christliche Bewohner. Im durch und durch hinduistischen Sadhana Village ist man aber offen für neue Ideen, also haben wir Europäer das Weihnachtsfest geplant, gestaltet und ausgeführt. Dazu gehörte, ein Essen für alle zu kochen, genügend Plätzchen zu backen (was ohne Rezepte und Backofen recht schwierig war), und ein Programm zusammenzustellen. Von der Muppetshow über ein mit den SF einstudiertes Krippenspiel bis hin zum Santa Claus war alles vertreten.

(...)

Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass die Haus-, und Gartentore nach dem Abendessen abgeschlossen werden und dass es keine Möglichkeiten gibt, auszugehen oder ohne Absprache noch beieinander zu sitzen, wenn man in unterschiedlichen Häusern wohnt. Für einige Volontäre ist das nur schwer hinzunehmen; und das ist nur eines der vielen Beispiele von Kulturunterschieden, die uns „Westlern“ so schwer verständlich sind und oft auch bleiben. Die Atmosphäre unter der derzeit hier lebenden Freiwilligen ist aber ausgesprochen gut und man ist froh, Gleichgesinnte zu haben, mit denen man sich über Erlebtes austauschen kann. Man hat sich 14tägig gemeinsame Filmabende und monatliche Volontärsausflüge „erkämpft“.

Im November war ich mit einer Kollegin für einen einwöchigen Kurzurlaub in Goa. Es hat gut getan, auch mal aus Sadhana Village rauszukommen. Vor allem den Freiwilligen, die im Haus mit den schwierigeren SF untergebracht sind, werden solche Auszeiten von den Verantwortlichen empfohlen und mitgetragen. Aber ich habe mich auch wieder sehr aufs Zurückkehren gefreut.

Nach sechs Monaten muss ich aus Indien ausreisen, obwohl ich ein Visum bis Mitte September 2007 habe. Das ist eine sinnlose Bedingung, die mein Visum verlangt. Einreisen darf ich glücklicherweise so oft ich möchte. Ich habe vor, Mitte/Ende März 2007 für ein paar Wochen zu reisen, sei es nach Nepal oder Sri Lanka, auch Flüge von hier nach Thailand sind billig. Aber vor allem möchte ich auch etwas von Indien sehen.

Sadhana Village, der Januar 2007