Barbara, 46, mit ASB in Litauen, Arbeit in verschiedenen sozialen Einrichtungen
ERSTE EINDRÜCKE
Nach einem ziemlich entspannten Flug bin ich gut in Vilnius angekommen und nach etwa 15 Minuten angestrengtem Ausschau-Haltens habe ich meine Abholer gefunden.
Das waren von litauischer Seite Danguole, die ehemalige Deutschlehrerin, die ehrenamtlich seit 4 Jahren für den LSB in Jurbarkas als Dolmetscherin tätig ist und mir in den nächsten Wochen Litauisch beibringen wird, Antanas, der ehrenamtliche Vorsitzende des lokalen LSB und Algis, der ehrenamtlich für den LSB als Fahrer und Hausmeister zuständig ist. Alle drei haben mich sehr herzlich begrüßt und mir sofort meinen Gepäckwagen abgenommen.
In einem alten VW Polo ging es dann auf die Autobahn. Wir hielten einmal für das Abendessen und gegen 21.30 Uhr haben sie mich in meiner Wohnung abgesetzt, in der Horst – mein Vorgänger – schon auf uns wartete.
Schon das Treppenhaus war für mich doch etwas gewöhnungsbedürftig. Obwohl die Wohnungen in unserem “ Block“ im typischen „Sowjetstil“ zum Großteil Eigentumswohnungen sind, ich tippe mal auf Mittelklasse, entsprechen sie noch nicht so wirklich unserem Standard.....Während ich hier am Laptop sitze, blicke ich z.B. auf eine ziemlich „losgelöste“ Tapete. Das Bad und die Toilette sind auch nicht gerade sehr einladend aber immerhin vorhanden.
Mein Tagesablauf hier in Jurbarkas ist unter der Woche immer gleich: Etwa dreimal die Woche wird Danguole mit mir eine Stunde Litauisch üben. Wenn wir uns nicht morgens zum Unterricht treffen, sehen wir uns um 12.30 Uhr in der Suppenküche, um eventuelle Probleme zu besprechen. Ich bin sehr froh, dass mir Danguole mit Rat und Tat und vor allem Litauisch zur Seite steht. Die Suppenküche ist für Bedürftige von Montag bis Freitag geöffnet, die meisten holen ihr warmes Mittagessen ab, um es zu Hause zu verzehren. Ich esse meistens dort alleine. Zuerst gibt es immer eine Suppe mit Kartoffeln und Möhren und einem Klacks saure Sahne, dazu eine dickes Stück Schwarzbrot und anschließend ein Stück Fleisch oder Wurst mit Kartoffeln und Gurken.
Gegen halb drei breche ich zur Arbeit im Kinderzentrum auf. Meistens gibt es zuerst mal einen Kaffee im Büro der Leiterin. Im Zentrum arbeiten zwei Lehrerinnen, Daiwa und Regina, ein Psychologe, Jonas, und natürlich Nijole, die Leiterin. Für eine Stunde ist auch noch Aldona anwesend, die dort putzt und sehr gut Deutsch kann, d.h. sie übersetzt für mich wofür ich sehr dankbar bin.
Am zweiten Tag meiner Anwesenheit sind Nijole (die Leiterin) und der Psychologe aufgebrochen und haben mir bedeutet, dass ich ihnen zu Hausbesuchen folgen sollte. Seit einiger Zeit bleiben viele Kinder dem Zentrum fern und sie wollen herausfinden, ob dies nur an den Sommerferien und dem heißen Wetter liegt. Ich war froh, dass ich mitkommen konnte, denn ich weiß eigentlich noch nicht so richtig, wie ich Zugang zu den Kindern finden soll. Meine fehlenden Sprachkenntnisse und die Schüchternheit der Kinder, Englisch oder gar Deutsch zu sprechen, machen die Kontaktaufnahme etwas schwer.
Die Hausbesuche waren dann schon ziemlich heftig......und ich muss sagen, ich habe mich ein bißchen geschämt, dass ich mich über den etwas geringeren Standard, mit dem ich jetzt in meiner Wohnung leben muss, aufgeregt habe.
Wir waren bei wirklich armen Leuten, die Wohnungen / Häuser waren in einem sehr schlechten Zustand, viele Fliegen, viele Menschen auf engstem Raum, darunter die Kinder – meistens Mädchen im Alter zwischen 9 und 13 Jahren, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr ins Zentrum kommen. Aufgrund meiner fehlenden Sprachkenntnisse habe ich zwar nicht viel davon mitbekommen, was gesprochen wurde, aber allein die Lebensumstände waren sehr vielsagend. Gesprochen wurde mit den Müttern, die Männer waren entweder schon aus dem Leben der Familie verschwunden oder dem Alkohol verfallen.
Wir haben 6 Familien besucht und das Elend variierte nur ein bißchen. Jetzt habe ich etwas mehr begriffen, wie wichtig das Zentrum ist, hier können die Kinder duschen, ihnen wird bei den Hausaufgaben geholfen, sie bekommen eine warme Mahlzeit. Das Essen wird jeden Nachmittag so gegen 16.30 Uhr geliefert. Vorher werden die Kinder zum Händewaschen angehalten und helfen beim Tischdecken mit.
Ich hatte den Eindruck, dass die Frauen, die wir angetroffen haben, schon „aufgegeben“ haben – eine Verbesserung ihrer Situation schien außerhalb des Möglichen. Sie wirkten sehr erschöpft, eine wurde sehr laut und aggressiv, die andere griff sich die ganze Zeit an ihr Herz und wieder eine andere fing – nach lautstarker Auseinandersetzung - an, zu weinen. Wie schon gesagt, ich habe kein Wort verstanden, das gesprochen wurde, ich kann mich also mit meiner Interpretation auch täuschen.
Ich habe die Kinder in der Begegnungsstätte danach noch einmal mit anderen Augen angesehen. Auf den ersten Blick erscheinen sie sehr sauber und gepflegt, sind höflich und helfen sich untereinander. Wenn man ein bißchen genauer hinschaut, sieht man Narben, Schmutzränder unter den Fingernägeln und an den Füßen.
Ich habe bei einer der Erzieherinnen nachgefragt, wie es denn mit der Einstellung zur Empfängnisverhütung aussieht – und die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: Es scheitere bei den Frauen am Geld!!! Ich werde hier noch etwas nachhaken, denn wenn es „nur“ das Geld ist, da könnte man doch ein Projekt aufsetzen, das die Empfängnisverhütung für diese Frauen preiswerter macht.
Es ist schon deprimierend, wenn man sieht, in welchen Lebensumständen – und zwar schon alleine was die Sauberkeit angeht und dann der psychische Stress mit den vielen Menschen auf engstem Raum, den total überforderten Mütter - die Kinder aufwachsen. Es öffnen sich ihnen doch kaum Chancen. Trotz allem spürt man bei den meisten das Potential – ich habe mit einer ganz ehrgeizigen 5-jährigen Federball gespielt, sie hat noch eine Zwillingsschwester und 2 ältere Brüder, die auch ins Zentrum kommen und das fünfte Kind ist gerade geboren.....
Meine erste Arbeitswoche war sehr kurz, denn am 6. Juli war Nationalfeiertag und anschließend ein „Brückentag“, d.h. 4 arbeitsfreie Tage lagen vor mir. Meine „Betreuerin“, Danguole, hat sich etwas tolles einfallen lassen: Sie hatte gehört, dass eine Delegation von Bürgern aus Crailsheim, einer der Partnerstädte von Jurbarkas, zu den Feierlichkeiten einflog, und ein Rahmenprogramm hatte, das Besuche zum Berg der Kreuze, auf die Kurische Nehrung, nach Vilnius und Trakai (die erste Hauptstadt Litauens) vorsah – kurzum: alles was in Litauen sehenswert ist! Sie hat es geschafft, dass ich von den Crailsheimern „adoptiert“ wurde, und so am ersten Wochenende schon durch ganz Litauen unterwegs war. Das war natürlich eine einmalige Gelegenheit!
Was mir auf der Kurischen Nehrung aufgefallen ist, waren die protzigen Autos mit litauischen Kennzeichen (vom Jaguar über Porsche-Geländewagen bis zum Chrysler und Lexus Cabrio war alles dabei). Gefahren wurde die Wagen von jungen Halbstarken, wohl die Jeuness Doree der Neureichen. Ein sehr starker Widerspruch zu dem Elend, das ich bei den Hausbesuchen gesehen habe.
Zurück im Alltag verzweifle ich immer wieder ein bißchen an meinen (noch) wenigen Sprachkenntnissen. Ich bin ja ein sehr interessierter Mensch, will immer alles wissen, kann aber nur wenige fragen.... manchmal befürchte ich, dass die Kinder schneller Deutsch können als ich Litauisch. Wie gerne würde ich vor meinem Block abends mal mit den alten Frauen auf der Bank sitzen, die es vor jedem Hauseingang gibt. Ich bin sicher, sie hätten viel zu erzählen. Ich bedaure, dass ich außer einem „Guten Abend-Gruß“ nichts zur Unterhaltung beisteuern könnte. Ich wäre froh, wenn dem Freiwilligeneinsatz vielleicht ein zweiwöchiger Intensiv-Sprachkurs im Land vorausgegangen wäre, so als erster „Einstieg“.
Den Kindern nähere ich mich langsam über den Sport – da ich kein wirklicher Spielefreak bin, spiele ich mit einzelnen Federball oder Tischtennis.
Ein Artikel über Horsts Weggang und meine Ankunft ist sogar mit Bild in der „freien“ Zeitung erschienen, Danguoles Mann ist freier Mitarbeiter dort. Jetzt bin ich also in Jurbarkas bekannt und bin gespannt, ob mich noch mehr Leute in Zukunft grüßen werden. Einer der Männer, die in der Suppenküche ihr Essen abholen ruft mir immer ein „Guten Tag“ zu, wenn er mich auf der Strasse trifft.
Viso Gero!!!!
Barbara



